Michael Ullrich – ein Homo empathicus

Walter Faber, der Protagonist in Max Frischs berühmtem Roman Homo Faber (1957), nutzt seine Fotokamera dazu, Bilder von einer Wirklichkeit zu erzeugen, wie er sie sehen will: Faber filtert die Wirklichkeit, er versteckt sich hinter der Kamera, hinter der vermeintlichen Objektivität der Fotografie. Mittels ihrer passt er die Wirklichkeit seiner Weltsicht an, er objektiviert, was ihn andernfalls als Subjekt zu berühren droht. Es ist dies, was manche Fotografen bis heute machen: Sie glauben, sich mittels der Fotografie außerhalb einer Wirklichkeit positionieren zu können, um diese dann zu objektivieren. Obschon seit Susan Sontag bekannt ist, dass Fotografie niemals „einfach das Wirkliche“ reproduziere. Nicht „die Realität“ werde, so Sontag, „durch Fotografien unmittelbar zugänglich gemacht, was durch sie zugänglich gemacht“ werde, seien „Bilder“.1

Michael Ullrich ist kein Homo faber. Er macht – im Sinne Sontags – Bilder zugänglich: Bilder, die seiner Wirklichkeit entstammen, eine Wirklichkeit, die ihn umfasst, die ihn einschließt, der er zugehört (folgerichtig materialisieren sich seine Fotos denn auch nicht ausschließlich im Geviert eines Wandbildes, sondern auch an einem so trivialen Gegenstand wie seinem Schlagzeug). Seine Fotografie findet im (eigenen) Leben statt, nicht gegenüber dem Leben (anderer). Dabei fotografiert nicht nur der Fotograf, sondern ebenso – wenn auch nicht im kameratechnischen Sinne – der oder die Fotografierte. Von Roland Barthes stammt die schöne Beobachtung, wonach wir „bereits im voraus zum Bild“ würden, sobald wir bemerkten, dass wir fotografiert würden, wir würden reflexartig eine „,posierende’ Haltung“2 einnehmen – und manchmal auch mehr als dies: „Georg“ (halbnackt im Garten, intim und ein wenig ,unvorteilhaft’ vielleicht), „Lilly“ (beim Schnorcheln, albern, zumal oben ohne), „Tomasz“ (als Macho in Begleitung hingebungsvoller Mädchen), der eigene Vater (verhalten aus einem Blumenfeld äugend), die schwangere Schwester (im Bikini mit Gewehr im Anschlag) und schließlich Michael selbst (auf der Sonnenbank, auf einem Erdwall oder im Bett). In der Fotografie von Michael Ullrich wird dieser Drang, (sich) in Szene zu setzen, seitens aller Beteiligter fotografisch produktiv gemacht – und ist damit in den Bildern grundthematisch. Nicht etwa im Sinne von Narzissmus oder Exhibitionismus. Vielmehr als Äquivalent für die allfälligen Verhaltensmodi und ,Rollenspiele’, die wir alle in unser relational und damit flexibel definierten Individualität tagtäglich aus- und aufführen. Insofern geraten die Inszenierungen und Selbstinszenierungen bei Michael Ullrich auch nicht in einen Konflikt mit etwaigen Authentizitätserwartungen, wie sie insbesondere die Porträtfotografie bekanntlich lange geprägt haben. In dem Moment, in dem

absolute Authentizität als Konstrukt entlarvt und als ein Ideologem brüchig geworden ist, besteht sowieso kein Anlass, fotografisch an ihr als Leitkonstante festzuhalten. Zumal etwas Authentisches, dies wissen wir längst, sich ebenso (wenn nicht eindringlicher noch) im Gestellten offenbaren kann. Doch geht es hier weniger um Authentizität. Die Stärke der Bilder von Michel Ullrich beziehen diese aus etwas anderem: aus einer dezidierten Subjektivität, aus Souveränität und vor allem aus – Verbundenheit.

Der US-amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin hat vor einigen Jahren die These entwickelt, wonach der drohende Zusammenbruch der Zivilisation allein noch abgewendet werden könne durch: Empathie! Durch das Einfühlungsvermögen des Menschen. Rifkin begreift den Menschen als „Homo empathicus“3 und hofft gar auf ein Zeitalter der Empathie. Ein Signum dieses Zeitalters wäre gewiss, dass sich das Selbst nicht mehr über eine Ichbezogenheit definieren, sondern sich in einer Verbundenheit mit anderen permanent konstituieren würde (ohne sich indes in „einem undifferenzierten globalen Wir“4 aufzulösen). Man mag Rifkins These teilen oder nicht. Auf Ullrichs fotokünstlerische Haltung jedenfalls trifft Rifkins Beschreibung zu: Michael Ullrich ist ein Homo empathicus. Er lässt sich – anders als Walter Faber – von der Welt berühren, er verschanzt sich nicht in jener Zone der Unsichtbarkeit, die der eindimensionale Vektor des fotografischen Blicks gewähren würde (nämlich hinter der Kamera). Im Gegenteil, sein fotografischer Blick ist voller Respekt, im Sinne des lateinischen respectare: zurückblicken. Fast möchte man von einem einfühlsamen Blick sprechen. Nicht im romantischen Sinne. Vielmehr im Sinne eines Empathievermögens, das sich in Ullrichs Bildern niederschlägt, ohne sich indes in ein vordergründiges, effektheischendes Stilmittel, gar in einen Signature Style, aufzulösen. Gleichsam eine Fotografie der Verbundenheit.

Dr. Lars Blunck

(© Dr. Lars Blunck, alle Rechte vorbehalten)

1 Susan Sonntag, Über Fotografie [amerk. 1977], Frankfurt am Main 2002, S. 166 u. 157.
2 Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie [frz. 1980], Frankfurt am Main 1989, S. 18f.
3 Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein [amerk. 2009], Frankfurt am Main 2010, S. 14-124.
4 Ebenda, S. 410.